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Wie Erwartungsdruck unser Glück beeinflusst

„Ich würde jetzt so gerne …, aber ich MUSS …“ Na – kommt dir dieser Satz bekannt vor? Gerade in stressigen Zeiten kommt er zum Vorschein: der Erwartungsdruck. Mal kommt er von außen, mal kommt er aus uns selbst heraus – nicht selten ist er mit unangenehmen Gefühlen wie zum Beispiel Überforderung und Unzufriedenheit verbunden.

Für viele ist sicher gerade die Weihnachtszeit dafür ein anschauliches Beispiel: Zum Ende des Jahres erwartet dein Arbeitgeber, dass du bestimmte Dinge noch vor Weihnachten und dem Jahreswechsel fertigstellst. Hinzu kommt eine ellenlange Weihnachts-To-Do-Liste. Freunde und Familie erwarten deine Verfügbarkeit in Form von Zeit. Ein bisschen besinnliche Zeit für dich selbst wäre auch noch schön. Du selbst erwartest von dir, dass du alles ohne große Probleme auf die Reihe bekommst, denn bei allen anderen klappt das doch offensichtlich auch!

Gerade um die Weihnachtszeit häufen sich die To Dos: Man ist besonders geneigt, es allen Recht machen zu wollen. Foto: Glenn Carstens-Peters / Unsplash

Vielleicht kennst du ein ähnliches Denken nicht nur aus der Weihnachtszeit, sondern hast auch immer mal wieder unter dem Jahr damit zu kämpfen. Vielleicht fällt dir gerade jetzt mal wieder so richtig auf, wie häufig du versuchst, es am besten allen Recht zu machen. Sicher ist: Auf lange Zeit ist das echt anstrengend und macht dich selbst weder zufrieden noch glücklich. Doch was sind Erwartungen eigentlich, wie entstehen sie und warum können sie uns so unter Druck setzen?

Von sozialen Erwartungen zu gesellschaftlichen Zwängen

Bei meiner Recherche bin ich auf ganz verschiedene Begriffe gestoßen, die alle irgendwie mit diesem inneren Druck, der mal von anderen und mal von uns selbst ausgeht, zu tun haben.

Da gibt es einmal das gesellschaftliche Werte- und Normensystem: Grob gesagt geht es dabei um Ansichten und Werte, die das Kollektiv der Gesellschaft für richtig hält. Unsere Eltern und unser Umfeld bringen uns dieses System bereits in der Kindheit kontinuierlich näher und von da an begleitet es uns unser ganzes Leben lang. Nach und nach entwickelt jeder Mensch so sein eigenes Normen- und Wertesystem. Jedes Einzelsystem beeinflusst wiederum das Kollektivsystem und so kommt es zu einem Kreislauf, in dem sich das System der Gesellschaft mit der Zeit wandeln und weiterentwickeln kann.

Wer sich gesellschaftlichen Vorstellungen nicht anpasst, hat mit Sanktionen zu rechnen. Foto: chuttersnap / Unsplash

Aus diesem System ergeben sich soziale Erwartungen: Gesamtgesellschaftliche Vorstellungen sollen von Einzelpersonen so übernommen und entsprechend umgesetzt werden. Wer sich dem Kollektivsystem nicht anpasst und sozusagen aus dem Raster fällt, der hat mit Gegenwind zu rechnen. Der Soziologe Ralf Dahrendorf (1929-2009) sprach von Sanktionen, die ein Einzelner je nach Bedeutungsschwere der jeweiligen missachteten Erwartung zu befürchten hat, wie beispielsweise, nicht geliebt zu werden. Die Angst vor Sanktionen baut einen Druck auf, sich den gesamtgesellschaftlichen Vorstellungen anzupassen. Je schwerwiegender die zu befürchtende Sanktion, desto stärker der Druck. Erwartungen entwickeln sich dann bis hin zu gesellschaftlichen Verpflichtungen oder Zwängen.

Soweit die Theorie, doch wie können wir mit diesen Erwartungen und Verpflichtungen umgehen?

Eine Liste kann dir helfen, deine Rollen bewusst zu machen und zu priorisieren.

Was sind deine persönlichen Rollen im Leben?

Dazu ist es ganz hilfreich, sich bewusst zu machen, welche Rollen man eigentlich gegenüber sich selbst und anderen in seinem individuellen Leben einnimmt. Nach der Rollentheorie von Dahrendorf hat nämlich jeder Mensch verschiedene soziale Positionen in der Gesellschaft und somit auch verschiedene soziale Rollen, die wiederum alle verschiedene Erwartungen mit sich bringen.

Nimm dir dazu ein Blatt Papier und einen Stift und schreibe in einer ersten Spalte untereinander alle Rollen auf, die du aktuell hast (z.B. Schwester/Bruder, Tochter/Sohn, Enkel/in, Arbeitnehmer/in, Freund/in, …). In einer zweiten Spalte rechts von den Rollen schreibst du nun auf, welche Erwartungen sich aus deinen Rollen jeweils ergeben. Wenn du dir eine Weile über deine Rollen und damit verbundenen Erwartungen Gedanken machst, dann wirst du sehen, wie viel insgesamt zusammenkommt! Und mal ehrlich – glaubst du wirklich, dass irgendein Mensch alles, was auf dem Papier steht, immer zufriedenstellend erfüllen kann? Würde man das versuchen, wäre man vermutlich mit nichts anderem mehr beschäftigt. Dazu kommt, dass man selbst mit der Zeit auf der Strecke bleiben würde. 

Befreie dich von Erwartungen, die nicht auch deine sind

Besser ist es deshalb, sich klar zu machen, was einem selbst am wichtigsten ist und aktiv zu hinterfragen: Welche der Erwartungen auf deinem Papier decken sich eigentlich mit deinen eigenen? Welche willst du selbst auch erfüllen? Welche fühlen sich wie Zwänge an? Was würde passieren, wenn du bestimmte Erwartungen nicht erfüllen würdest – wäre das wirklich so schlimm?

Setze jetzt Prioritäten und überlege dir, welche drei Dinge auf deiner Liste dir selbst am wichtigsten sind. Mache dir bewusst, dass es nicht schlimm ist, bestimmte Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und versuche, dir in Zukunft bei den Dingen, die du als weniger relevant eingestuft hast, weniger Druck zu machen. Fokussiere dich auf die drei wichtigsten Dinge. Hänge deine Liste dann an einem Ort auf, wo sie dich regelmäßig daran erinnert, was dir wichtig und weniger wichtig ist. Das kann helfen, nicht wieder in alte Muster zu verfallen.

Bleibe stark und mache dir klar, dass es nicht schlimm ist, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen, wenn es nicht auch deine sind. Foto: Heather Ford / Unsplash

Mehr Raum für Optimismus und Positives

Zugegeben: Das Vorgenommene lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen, sondern braucht Zeit. Grundsätzlich empfand ich es aber für mich als sehr hilfreich, einfach mal darüber nachzudenken, welche der Dinge, die ich glaube, machen zu müssen, eigentlich auch meinem eigenen Willen und meinen Erwartungen an mich selbst entsprechen. Allein der Gedanke, dass es meine eigene Entscheidung ist, welche Rollen bzw. Erwartungen ich erfülle und welche nicht, hat mir persönlich ein sehr freies Gefühl gegeben.

Bei all den Erwartungen, die an uns gestellt werden, gehört es abschließend aber auch dazu, dass wir reflektieren, welche Erwartungen wir an andere stellen. Dabei ist es hilfreich, sich bewusst zu machen, dass Erwartungen enttäuscht werden können! Wenn du also nicht nur deine Erwartungen an dich selbst, sondern auch die Erwartungen an andere reduzierst, kannst du grundsätzlich offener und positiver an Dinge herangehen. Zudem ist so auch die Chance größer, dass du mal positiv überrascht wirst!

Titelbild: Jordan Whitfield / Unsplash

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